Supernaiv im Superlativ

Traurig, aber wahr: Die folgenden Ergüsse menschlicher Intelligenz diverser Mitmenschen musste ich in den letzten Jahren teilweise mehrfach erleben. Geiles Fotografenleben …

„Naja, mit der Kamera könnte ich auch tolle Fotos machen!“

„Meine überflüssigen Pfunde kannst Du ja dann einfach weg retuschieren!“

„Ach komm, Dein Job ist doch geil: Bissel auf den Auslöser drücken und danach die Models bumsen!“

„Photoshop wird´s richten!“

„Also das kann mein Handy auch!“

„Fotografie ist nichts mehr wert!“

„Hey, ich bin auch Fotograf! Hast Du nen Tipp für mich, welche Kamera ich mir kaufen soll?“

„Ha, meine Kamera hat mehr Megapixel als Deine!“

„Du kannst mir einfach die RAW´s geben, ich bearbeite die dann selbst nach!“

„Das stört Dich doch nicht, wenn Du quasi nebenher ein paar Bilder machst. Bist ja eh als Gast eingeladen!“

„So viel Geld dafür, dass Du hier bissel knipsen kannst?“

„Wenn ich erstmal berühmt bin, wirst Du Dich vor Aufträgen nicht mehr retten können!“

„Alle Regler auf Automatik, die Kamera macht den Rest!“

„Ach komm, ob Du jetzt acht oder zwölf Stunden bei uns fotografierst ist doch egal!“

„Das Bild ist aber nicht scharf!“

„Dein Geld bekommst Du nächste Woche!“

„Der Schwager meines Kumpels macht mir das aber umsonst!“

„Schwarz-Weis ist doch voll von gestern!“

„Und was machst Du so den ganzen Tag?“

„Mit den heutigen Kameras könnte doch jeder Schimpanse schöne Bilder machen!“

„Dir geht doch bestimmt einer ab, wenn sich die Mädels vor Dir ausziehen!“

 

 

Life is what happens to you…

…while you´re busy making other plans. (John Lennon)

Ist so. Da muss ich mich dem guten John voll und ganz anschließen. Genau das hat mich mein Leben in den letzten Jahren sehr deutlich gelehrt und genau das führte unter anderem zu der besonderen Art der -wie ich sie nenne- entschleunigten Fotografie, die ich aktuell so schätze und genieße. Unsere Tage sind von vorne bis hinten geplant und so präzise strukturiert wie ein Schweizer Uhrwerk. Termine, Meetings, sogar der Gang in das Fitnessstudio folgt lieber festen Zeiten statt dann zu erfolgen, wenn Dein Körper Dir signalisiert dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre. Eigentlich kein Wunder, dass so oft der innere Schweinhund als Sieger aus dieser Runde hervorgeht, und so hetzen wir von Termin zu Termin, nur um dann Abends völlig platt auf dem Sofa zu liegen und sich mit meist sinnfreier seichter Unterhaltung aus dem Fernsehgerät berieseln zu lassen. Zu akribisch festgelegter Zeit ist dann Bettruhe, damit wir morgen fit genug für einen weiteren Tag im großen Hamsterrad des Lebens sind. Herzlichen Glückwunsch.

Doch Gott sei Dank gibt es da diese kleinen Momente, diese ungeplanten Momente, die Dir das Schicksal zuspielt und die Deine Welt für einige Zeit komplett aus den Angeln heben. Diese wunderbaren Momente, von denen man wünscht, sie mögen nie enden und von denen man noch so lange hinterher zehren kann. Diese Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint.

Unlängst hatte ich wieder einen dieser magischen Momente, als völlig überraschend eines Abends mein Patenonkel vor der Tür stand, und wir uns bei einigen Bieren und stundenlangen Gesprächen komplett in den Erinnerungen verloren, die durch eine große Kiste mit ganz vielen, teilweise über 100 Jahre alten Familienfotos hervorgerufen wurden.

U-n-b-e-z-a-h-l-b-a-r.

Face your fears

Da sitze ich nun also. Ich und mein großes Maul Mundwerk. In einem Fahrgeschäft mitten auf dem Festplatz unserer Kerwe. 14 Meter über dem sicheren Erdboden. 14 Meter, das ist für jemanden wie mich, der ich unter extremer Höhenangst leide und schon beim besteigen einer Haushaltsleiter mittelschwere Panikattacken bekomme, deutlich zu hoch. Der Wind pfeift wild um meine Ohren und ich klammere mich fast schon verzweifelt an den dünnen Metallbügel, den man mir über meine Beine gespannt hat. Neben mir sitzt mein Sohn, der aktuell noch nicht so genau weiß ob er das alles hier gut finden oder sich nicht lieber in die Hosen machen soll.

Ich wollte eigentlich in guter Blogger-Manier eine Kamera mitnehmen. Oder wenigstens die kleine Legria, die ich für meine VLOGs benutze. Im Nachhinein bin froh, dass ich es nicht getan habe, denn aktuell könnte ich den dünnen Metallbügel noch nicht einmal für ein kurzes Selfie loslassen. Mein Herz rast, als ob ich gerade einen Marathon gelaufen wäre und ich versuche krampfhaft nur auf diesen einen, kleinen Fixpunkt zu starren, den ich mir selbst direkt vor meinem Auge gesetzt habe. „Egal was passiert, Digger, schau nur nicht runter!“, versuche ich mich selbst ständig zu beruhigen, und sehe trotzdem aus dem Augenwinkel meine Frau, die 14 Meter unter uns versucht die Szenerie mit ihrem Handy festzuhalten.

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Verdammt, warum tue ich mir das an, frage ich mich, und kann mir doch postwendend die Antwort geben: Weil ich es versprochen habe! Meinem Sohn. Solche Versprechen bricht man nicht. No way. Da muss ich jetzt durch,und versuche daher es sportlich zu sehen, als der Betreiber des Fahrgeschäfts seine lockeren Sprüche auf uns los lässt. Naaaa, gehts Euch noch gut? Wollt ihr nochmal? Oooookaaaaayyyy, wir starten in die nächste Runde… Ich hasse ihn in diesem Moment ein wenig und während er laut Vollgaaaaaas brüllt ist der Inhalt meines Magens kurz davor, sich ebenfalls mit Vollgas über die Menschen auf dem Festplatz zu verteilen. Kann man bei dieser Geschwindigkeit überhaupt kotzen? Hat das schon mal jemand gemacht? Gibt es da Aufzeichnungen drüber? Falls ja, bitte mal melden, wir müssen reden.

Nachdem wir schier endlose Minuten später zur Landung angesetzt haben, fühlen sich meine Beine wie Gummi an. Ein Freund kommt mit einem Eimer auf mich zugelaufen; vorsichtshalber, falls ich mich doch noch übergeben muss. Mein Kreislauf ist im Keller, meine Gesichtsfarbe unnatürlich grün. Aber ich bin stolz es durchgezogen zu haben! Ich habe nicht gekniffen, ich habe mein Versprechen meinem Sohn gegenüber gehalten! Nur das zählt in diesem Augenblick. Cojones muy grandes, Baby, weißte?

Junior hatte im Endeffekt auch nicht so wirklich Spaß an der Fahrt. Noch während wir zum Ausgang laufen nimmt er meine Hand und sagt „Papa, das Ding fahren wir aber bitte nicht mehr.“ Ich schaue ihn an und sage „Versprochen Großer.“