Fly cheaper – Oder: Ein Flug, wie er nicht sein sollte

Mittwoch Mittag, 15 Uhr. Flughöhe 15.000 Kilometer. Irgendwo über Europa. Der Mann neben mir, Grauhaarig und mit Vollbart, schläft den Schlaf der Gerechten. Leider läuft ihm dabei in schöner Regelmäßigkeit der Sabber aus dem leicht geöffneten Mund. Die Stewardessen, die -wie so oft- komplett übermüdet und leicht überfordert wirken, bereiten den Service vor. Wobei Service nichts anderes als lauwarmen Kaffee aus Plastikbechern und hoffnungslos überteuerte Sandwiches, die offensichtlich aus genau diesen Plastikbechern hergestellt wurden, bedeutet.

Ich lehne mich so gut es geht zurück und versuche meine Beine auszustrecken. Ach nee, geht ja gar nicht, weil unter dem Sitz vor mir mein Rucksack liegt. Wo auch sonst, wenn die vorhandenen Stauräume für Handgepäck bereits nach wenigen Minuten überfüllt waren? Und dabei muss man ja schon froh sein, wenn man zu den wenigen Auserwählten gehört, die ihr Handgepäck überhaupt mit an Bord nehmen durften. Immerhin haben sowohl die Damen und Herren am Check-In-Schalter, als auch beim Boarding ganze Arbeit geleistet und mit Adlerblick alles ausgesiebt, was auch nur im Entferntesten nicht nach den maximal erlaubten Standardmaßen für Handgepäck aussieht. Den wie üblich völlig überraschten Reisenden wurde dann erklärt, dass sie nun zwischen Pest oder Cholera wählen dürfen: Entweder Dein Koffer wird gegen eine astronomisch hohe Gebühr noch schnell eingecheckt, oder Dein Gepäck bleibt hier. Ob mit oder ohne Dich kannst Du Dir ja noch schnell überlegen. Hätten wir mit Buchung unserer Tickets nicht die berühmten AGB´s akzeptiert hätten wir hier den Tatbestand der räuberischen Erpressung. Ganz legal, in aller Öffentlichkeit.

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Junior muss aufs Klo. Klasse. Na, dann mal los. Auf dem Weg dorthin fängt uns zielsicher eine weitere Stewardess ab. In sehr gebrochenem Schulenglisch bittet Sie mich, uns sofort wieder an unsere Plätze zu begeben, da das Zeichen zum Anschnallen noch nicht erloschen sei. Ein Blick zu Junior signalisiert mir, dass es fünf vor Zwölf ist. Mein Puls ist auf 180. Dennoch reiße ich mich zusammen und erkläre der dummen F….tze unterbezahlten Airlinetussi mit dem Aussehen eines Rottweilers dass diesmal Sie den Hauptpreis gezogen hat: Entweder Junior und ich gehen jetzt sofort zur Toilette oder der Kleine wird sich hier vor allen Leuten so dermaßen in die Hosen schei***en, dass alleine der Duft reichen wird, sofort die Beatmungsmasken aus der Flugzeugdecke fallen zu lassen. Von etwaigen Reinigungsmaßnahmen, die dann auf sie zukommen dürften, mal ganz zu schweigen. Der Rottweiler versteht sofort und gibt uns den Weg frei. Na also, geht doch.

Wenig später erwacht auch der grauhaarige Vollbartträger neben mir aus seinem Schönheitsschlaf. Prima, immerhin sabbert er dann nicht mehr. Dafür packt er Deutschlands bescheuerteste berühmteste Tageszeitung aus und beginnt zu lesen. Ich überlege, ob ich ihm vielleicht beim Halten helfen soll, wo doch die eine Seite seiner Zeitung sich eh schon direkt vor meinem Gesicht befindet. Die Stimme des Chefstewards, der aussieht wie Mr. Bean in jüngeren Jahren, reißt mich unsanft aus meinen Gedanken. Mit einer Hand voller Lotterie-Tickets fuchtelt er vor meiner Nase umher und brüllt immer „Very good price, buy now for christmas!“. Ich fühle mich wie auf einer Mischung aus Kaffeefahrt und Tupperabend. Windige Verkäufer preisen ramschartige Heizdecken oder Salatsoßen-Shaker aus Vollplastik an. Fehlen nur noch die Sprüche, die man Tage zuvor noch regelmäßig an jeder Straßenecke gehört hat: „Very good Quality. Come on my friend, I´ll make you a special price. This is Original Rolex. Nice Watch. Only 5 Euros !“. Verpiss Dich, Du Nase ! Und nimm Mr. Bean am besten gleich mit !

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Einige Stunden später, nachdem der Pilot bei der Landung wie ein Bekloppter auf die Bremse gelatscht ist, und ich dadurch kurz davor war, mir den lauwarmen Plastikkaffee ein zweites Mal durch den Kopf gehen zu lassen, kommt eine wunderschöne Stimme von Band: „Ladies & Gentlemen, wir hoffen Sie hatten einen angenehmen Flug.“ Mr. Bean und der Rottweiler lächeln und winken wie die Pinguine aus Madagaskar, während Sie sich von uns verabschieden.

Ich freue mich auf zu Hause. Wirklich !

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